Die Wiederentdeckung der Welt

Einführung

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Wie viele Kinder und Jugendliche meiner Generation bin ich mit Videospielen aufgewachsen. Videospiele sind das prägende Medium unserer Zeit, so wie sie für frühere Generationen die Oper, das Theater und das Kino waren. Ihre kulturelle Bedeutung ist unbestreitbar und kann nur noch größer werden. Das allein macht Videospiele zu einem wichtigen wissenschaftlichen Gegenstand.

„Die Wiederentdeckung der Welt“ ist ein durch und durch normatives Unterfangen. Im Kern geht es um die Frage, was Videospiele sein und leisten können für das Individuum und die Gesellschaft und nicht darum, was sie tatsächlich sind oder leisten. Ich rege also zum Nachdenken über die Möglichkeiten des Videospiels an: eine theoretische Anstrengung, die in Anbetracht des kulturellen Stellenwerts ihres Gegenstands gerechtfertigt ist.

Videospiele sind und leisten viele Dinge. Was mich interessiert, ist deren Kunstcharakter. In der von mir vorgeschlagenen, recht weit gefassten Definition hat Kunst eine grundlegend wichtige Funktion für den Menschen. Mein Vorhaben ist, das Ideal einer Kunstform zu denken, die aus dem Videospiel hervorgehen könnte. Dieses theoretische Konstrukt nenne ich die Zehnte Kunstform. Sie ist eine mögliche Antwort auf die Frage, was Videospiele als Kunstform bestenfalls sein und leisten könnten.

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Um die Eigenschaften dieser Kunstform zu bestimmen, gehe ich nicht von existierenden Videospielen aus, also dem, was hier und da schon gemacht wurde. Ich will zu einer allgemeingültigen Einsicht kommen und so frage ich stattdessen nach dem zugrundeliegenden Medium des Videospiels: dem Computer.

Die Vorstellung geht dahin, dass das Medium einer Kunstform deren Eigenschaften definiert und dass ein gutes Kunstwerk demnach eines ist, das seinem Medium Rechnung trägt.

Die Ausgangsfrage meines Buches lautet also, wie eine Kunstform aussehen könnte, die dem Computer zugrunde liegt. Diese Frage ist insofern interessant, als der Computer eine Sonderstellung unter allen Medien einnimmt.

  […, 29. August 2021]

§ 1. Die Frage nach einer Kunstform, die zur Grundlage den Computer hat. Der Computer als die Form eines Allgemeinen

Die erste Frage, mit der ich mich beschäftigen möchte, nimmt folgende Form an: Lässt sich eine Kunstform auf der Grundlage des Computers denken? Wir sehen, dass der Computer Grundlage jeder anderen Kunstform werden kann in dem Sinne, dass er die Bedingungen bereitstellt, unter welchen die Kunstwerke erscheinen können. Damit jedoch ist die Frage nicht beantwortet. Denn gefragt wurde nicht, ob sich diese oder jene Kunstform, sondern ob sich eine Kunstform auf der Grundlage des Computers denken ließe. Aber was bedeutet das überhaupt, sich eine Kunstform auf der Grundlage des Computers zu denken? Es bedeutet, sich eine zu denken, welche der Form des Computers entspricht. Aber worin besteht diese Form des Computers? Sie besteht offenbar nicht in dieser oder jener Form eines Besonderen, sondern in der Form eines Allgemeinen. Denn nicht bloß zur Erscheinung von Kunstwerken vermag der Computer die Bedingungen bereitzustellen, sondern ebenso zu vielem anderen. Folglich kann die Frage, ob sich eine Kunstform auf der Grundlage des Computers denken ließe, auch so formuliert werden: Lässt sich eine Kunstform denken, die der Form eines Allgemeinen entspricht?

§ 2. Das Allgemeine und das Besondere, das Mögliche und das Wirkliche

Das Allgemeine und das Besondere fasse ich dialektisch auf, mithin als etwas, das bloß dem Grade nach allgemeinen oder besonderen Charakters ist. Die Form eines Allgemeinen existiert ebenso wenig wie die Form eines Besonderen. Mit der Form eines Allgemeinen ist eine Form gedacht, die in Abgrenzung zum Besonderen, dem Allgemeinen zustrebt, mit der Form eines Besonderen ist eine Form gedacht, die in Abgrenzung zum Allgemeinen dem Besonderen zustrebt. Ließe sich ferner das Allgemeine als ein Mögliches und das Besondere als ein Wirkliches denken, so wäre das Allgemeine dasjenige, was dem Möglichen, das Besondere dasjenige, was dem Wirklichen zustrebt.

§ 3. Entsprechung und Bestimmung

An der ursprünglichen Formulierung der Frage ist insofern eine weitere Veränderung eingetreten, als nun nach einer Entsprechung gefragt wird. In solcher Frage tritt der Gedanke hervor, dass etwas durch dasjenige und zu demjenigen bestimmt ist, das ihm zugrunde liegt. Übertragen auf die Frage, die ich diesen Betrachtungen vorangestellt habe, würde das heißen, dass eine Kunstform auf der Grundlage des Computers erst damit zu ihrer Bestimmung kommt als demjenigen, wodurch und wozu sie bestimmt ist, als sie dem, was ihr zugrunde liegt, entspricht. Denkt man an den Computer als Form eines Allgemeinen, dann kann man folgern, dass die Frage nach solch einer Entsprechung sich für keine andere Kunstform mit so viel Nachdruck stellt wie für diese Kunstform, und zwar gerade deshalb, weil ihr die Form eines Allgemeinen zugrunde liegt, unter welcher beinahe alles erscheinen kann, aber dass sie zugleich und aus demselben Grund für keine andere Kunstform so schwierig zu beantworten ist.

§ 4. Die Zehnte Kunstform

Jene Kunstform, welche der Form eines Allgemeinen entspricht, will ich die Zehnte Kunstform nennen. Mache ich von diesem Begriff Gebrauch, so geschieht dies nicht in der Absicht, Behauptungen darüber aufzustellen, ob es eine bestimmte Anzahl Kunstformen gebe und welche darunter zu rechnen seien. Vielmehr soll jenem sonderbaren Gedanken Ausdruck verliehen werden, wonach es eine Kunstform gibt, die sämtliche anderen Kunstformen zu beherbergen vermag, dergestalt, dass jede innerhalb jener erscheinen kann. In der Numerologie heißt es, die 10 sei diejenige Zahl, die sämtliche anderen Zahlen enthalte, deren Grundlage bilde und die Gesamtheit aller Möglichkeiten repräsentiere. Auf diese Vorstellung einer höchsten Allgemeinheit, welche die Formbedingungen sämtlicher Kunstformen unter sich fasst, spiele ich mit dem Begriff einer Zehnten Kunstform an. Die Frage, mit der wir uns befassen, könnte somit auch lauten, ob sich so etwas wie eine Zehnte Kunstform denken ließe?

§ 5. Die allgemeine Form des Lebens als diejenige Form eines Allgemeinen, in welcher die Zehnte Kunstform ihre Entsprechung findet

Wonach kann sich eine Entsprechung richten, wenn sie sich nach der Form eines Allgemeinen richten soll? Die Antwort, die ich auf diese Frage geben möchte, lautet: die allgemeine Form des Lebens. Mit diesem Begriff bezeichne ich die formalen Eigenschaften des Lebens als ein Verhältnis, das zwischen Geist und Welt als dessen erste und letzte Bedingungen aufgespannt wird. Zu leben bedeutet, dass man dieses Verhältnisses teilhaftig ist, und zwar als einer Vermittlung zwischen Geist und Welt, die ihrem Wesen nach Vollzug ist.

§ 6. Die allgemeine und besondere Form des Lebens

Der Vorrang des Lebens vor der Kunst. Leben wir, so sind wir eines Vermittlungsvollzugs zwischen Geist und Welt teilhaftig. Dies bedeutet, dass alles, was wir tun, empfinden und denken, eine Form des Lebens ist. Eine ausgezeichnete Form des Lebens ist die Kunst. Sie kann, wie jede andere Form des Lebens auch, dem Allgemeinen oder Besonderen zustreben und wie jede andere Form des Lebens auch vermag sie niemals an die Stelle des Lebens selbst zu treten, dessen bloße Konkretion sie ist.

§ 7. Das Wirkliche als erste Eigenschaft der Welt

Der Mensch hatte sich die Natur schon immer dadurch begreiflich zu machen versucht, dass er sie in Artefakten nachahmte. Die Kunstwerke der Malerei hatten jahrhundertelang als Maßstab dafür gegolten, wie man sich die Welt vorzustellen habe, weshalb zur Vorstellung der Welt zunächst dasjenige gehörte, was sich zeigen konnte: Objekte und deren Eigenschaften. Es gibt jedoch etwas, das noch vor dem, was sich zeigt, zu liegen kommt, etwas, das so grundlegenden Charakters ist, dass man sich seiner kaum mehr bewusst ist. Ich meine damit den Umstand, dass alles im Gange ist. Die deutsche Sprache hat der sonderbaren Natur dieser Erscheinungen in dem Wort Wirklichkeit Rechnung getragen, worin zugleich der Rang eines solchen Seienden deutlich wird: Dass alles wirkt und wirken lässt, ist die erste Eigenschaft der Welt.

§ 8. Die Erzeugung des Wirklichen vermöge des Algorithmus

Was den Computer auszeichnet, ist sein Vermögen, Artefakte zu erzeugen, welche über diese Eigenschaft, die Eigenschaft des Wirklichen verfügen. Das Element solcher Artefakte ist der Algorithmus, von welchem man sagen könnte, er habe einiges mit Naturgesetzen als einer naturwissenschaftlichen Form der Beschreibung jenes Wirklichen gemein. Wovon waren die Menschen fasziniert, als sie zum ersten Mal einer solchen Art von Artefakt begegneten? Diese Frage ist deshalb von Bedeutung, weil sie begreiflich machen kann, worin das Besondere einer solchen Art von Artefakt besteht. Ich glaube, es war jenes Wirkliche, das zum ersten Mal in einem Artefakt zu Tage trat: die Anmutung eines Systems, das durch das Wirkliche, das ihm zugrunde lag, einen eigenen Seinsstatus und eine eigene Kraft der Suggestion besaß. Vermöge des Algorithmus war es zum ersten Mal gelungen, Wirklichkeit zu erzeugen und damit einen grundlegenden Wesenszug der Welt in ein Artefakt zu überführen. Man könnte sogar sagen, dass die in Artefakten wiedererzeugte Natur erst mit diesem Schritt zu sich selbst gekommen war als die Einheit eines Sinnlichen und Wirklichen.