§ 5. Die allgemeine Form des Lebens als diejenige Form eines Allgemeinen, in welcher die Zehnte Kunstform ihre Entsprechung findet

Wonach kann sich eine Entsprechung richten, wenn sie sich nach der Form eines Allgemeinen richten soll? Die Antwort, die ich auf diese Frage geben möchte, lautet: die allgemeine Form des Lebens. Mit diesem Begriff bezeichne ich die formalen Eigenschaften des Lebens als ein Verhältnis, das zwischen Geist und Welt als dessen erste und letzte Bedingungen aufgespannt wird. Zu leben bedeutet, dass man dieses Verhältnisses teilhaftig ist, und zwar als einer Vermittlung zwischen Geist und Welt, die ihrem Wesen nach Vollzug ist.

§ 6. Die allgemeine und besondere Form des Lebens

Der Vorrang des Lebens vor der Kunst. Leben wir, so sind wir eines Vermittlungsvollzugs zwischen Geist und Welt teilhaftig. Dies bedeutet, dass alles, was wir tun, empfinden und denken, eine Form des Lebens ist. Eine ausgezeichnete Form des Lebens ist die Kunst. Sie kann, wie jede andere Form des Lebens auch, dem Allgemeinen oder Besonderen zustreben und wie jede andere Form des Lebens auch vermag sie niemals an die Stelle des Lebens selbst zu treten, dessen bloße Konkretion sie ist.

§ 7. Das Wirkliche als erste Eigenschaft der Welt

Der Mensch hatte sich die Natur schon immer dadurch begreiflich zu machen versucht, dass er sie in Artefakten nachahmte. Die Kunstwerke der Malerei hatten jahrhundertelang als Maßstab dafür gegolten, wie man sich die Welt vorzustellen habe, weshalb zur Vorstellung der Welt zunächst dasjenige gehörte, was sich zeigen konnte: Objekte und deren Eigenschaften. Es gibt jedoch etwas, das noch vor dem, was sich zeigt, zu liegen kommt, etwas, das so grundlegenden Charakters ist, dass man sich seiner kaum mehr bewusst ist. Ich meine damit den Umstand, dass alles im Gange ist. Die deutsche Sprache hat der sonderbaren Natur dieser Erscheinungen in dem Wort Wirklichkeit Rechnung getragen, worin zugleich der Rang eines solchen Seienden deutlich wird: Dass alles wirkt und wirken lässt, ist die erste Eigenschaft der Welt.

§ 8. Die Erzeugung des Wirklichen vermöge des Algorithmus

Was den Computer auszeichnet, ist sein Vermögen, Artefakte zu erzeugen, welche über diese Eigenschaft, die Eigenschaft des Wirklichen verfügen. Das Element solcher Artefakte ist der Algorithmus, von welchem man sagen könnte, er habe einiges mit Naturgesetzen als einer naturwissenschaftlichen Form der Beschreibung jenes Wirklichen gemein. Wovon waren die Menschen fasziniert, als sie zum ersten Mal einer solchen Art von Artefakt begegneten? Diese Frage ist deshalb von Bedeutung, weil sie begreiflich machen kann, worin das Besondere einer solchen Art von Artefakt besteht. Ich glaube, es war jenes Wirkliche, das zum ersten Mal in einem Artefakt zu Tage trat: die Anmutung eines Systems, das durch das Wirkliche, das ihm zugrunde lag, einen eigenen Seinsstatus und eine eigene Kraft der Suggestion besaß. Vermöge des Algorithmus war es zum ersten Mal gelungen, Wirklichkeit zu erzeugen und damit einen grundlegenden Wesenszug der Welt in ein Artefakt zu überführen. Man könnte sogar sagen, dass die in Artefakten wiedererzeugte Natur erst mit diesem Schritt zu sich selbst gekommen war als die Einheit eines Sinnlichen und Wirklichen.

§ 9. Zur Dialektik von Natur und Kunst als der Bedingung einer Wissensgeschichte

Ich habe soeben behauptet, dass die Natur sich durch zwei Eigenschaften auszeichnet, die eine Einheit bilden: die Dimension des Wirklichen und die Dimension des Sinnlichen. Man muss sich vor Augen führen, dass dasjenige, was zu dieser Behauptung Anlass gegeben hat, nicht der Betrachtung der Natur, sondern der Betrachtung eines Artefakts entsprungen ist. Man könnte eine solche Art von Schlussfolgerung für nicht gültig erklären, aber genau genommen stellt sie die Bedingung für so etwas wie eine Wissensgeschichte dar, die nichts weiter als der Nachvollzug der Natur durch Kunst ist, da selbst der sich unendlich fortschreibende Text, in welchem solche Wissensgeschichte vorliegt, ein Artefakt ist. Was sich in jener neuesten Erscheinung abzuzeichnen beginnt, ist somit bloß die historisch gesehen jüngste Form eines Artefakts, dessen Beitrag zur Wissensgeschichte Gegenstand einer Theorie der Zehnten Kunstform ist. Was dieses Artefakt vor allen anderen Artefakten auszeichnet, ist sein Wirkliches. Durch dasselbe vermag das Artefakt in einem bisher nicht für möglich gehaltenen Ausmaße die Form der Welt und das Verhältnis unseres Geistes zu dieser Welt, die allgemeine Form des Lebens, anzunehmen.

§ 10. Von der Natur zur Kunst. Zum Wandel der Wissensgeschichte

Wollte man die Wissensgeschichte als Nachvollzug einer Dialektik von Natur und Kunst begreifen und diese in Bezug setzen zu den Fragen, die sich mit der Erscheinung einer Zehnten Kunstform stellen, so könnte man zur Beobachtung gelangen, dass diese Wissensgeschichte eine Bewegung von der Vorherrschaft eines Paradigmas der Natur zur Vorherrschaft eines Paradigmas der Kunst vollzogen hat. So war unter dem überwältigenden Eindruck der sie umgebenden Naturgewalten die erste überlieferte Philosophie zunächst Naturphilosophie. Erst in der Neuzeit, als der Mensch sich vermöge der Wissenschaft, Technik und Kunst mehr und mehr der Natur zu bemächtigen begann, entstand allmählich ein Bewusstsein dafür, dass selbiger die Wirklichkeit mitgestaltet, ein Bewusstsein, das in der kopernikanischen Wende der Philosophie mündete. Diese Bewegung hat sich seither fortgesetzt und ihren vorläufigen Höhepunkt in einer Kunstform erreicht, welche die Natur mehr als alle anderen Kunstformen zuvor unter den Bedingungen der Kunst und der Künstlichkeit erscheinen lässt. Das Ende dieser Entwicklung ist damit erreicht, dass die Kunst nicht mehr innerhalb der Natur, sondern die Natur innerhalb der Kunst erscheint. Die Wissensgeschichte gelangt damit an einen Punkt, an welchem das Paradigma der Kunst vorherrschend geworden ist, womit alle philosophischen Fragen, die sich in unserer Zeit stellen, zu Fragen der Kunst geworden sind. Aber mit gleichem Recht kann man sagen, dass die Kunst durch und durch philosophisch wird. Dass es notwendig wird, vom Allgemeinen und Besonderen, von Geist und Welt zu sprechen, um eine Kunstform auch nur im Ansatz begreifen zu können, ist Ausdruck des philosophischen Charakters derselben. Sofern nämlich das Geschäft der Philosophie dasjenige des Allgemeinen ist, kann man die Zehnte Kunstform mit Recht als die philosophischste, als die im eigentlichen Sinne philosophische Kunstform begreifen.

§ 11. Die Frage nach einer Neubeurteilung des Verhältnisses von Natur und Kunst

Alle Fragen, die sich mit dem Hervortreten einer Zehnten Kunstform stellen, münden in die Frage nach einer Neubeurteilung des Verhältnisses von Natur und Kunst. Diese Frage mitsamt all ihrer Teilfragen drängt sich bereits heute auf, und zwar mit der Erscheinung dessen, was man gemeinhin Computerspiel nennt. Denn jedes Fragen setzt ein mit etwas, das erscheint, wobei sich solches gängigen Begriffen entzieht, weshalb es in der Folge auch zum Fragen Anlass gibt.

§ 12. Das technische Medium und die Frage, weshalb man auf den Ausdruck des Mediums zurückgriff, um diese Erscheinungen zu beschreiben

Die Allgegenwärtigkeit technischer Medien hat dazu geführt, dass man im heutigen Sprachgebrauch unter einem Medium vornehmlich ein technisches Medium versteht. Von einem Medium sprach man zwar schon früher, wobei es manches andere bezeichnete, zu der heutigen Verbreitung und Verwendung fand dieser Ausdruck aber erst durch die technischen Medien. Damit ist jedoch nicht geklärt, weshalb man gerade den Begriff des Mediums für geeignet hielt, diese neuen Phänomene zu beschreiben.

§ 13. Das Medium als ein Künstliches und Besonderes, das Leben als ein Natürliches und Allgemeines

Das Medium ist allein aufgrund seines technischen, d.h. künstlichen Charakters und dem Umstand, dass es die Realität bloß ausschnitthaft wiedergibt, dem Leben als einem Natürlichen und Allgemeinen entgegengesetzt, in das es, wie alles Seiende, eingelassen ist. Als eine menschliche Hervorbringung, als Artefakt stellt es jedoch etwas dar, das Realität selbst zu formen vermag. Man könnte sogar sagen, dass das Aufkommen dieses Ausdrucks genau diesem Umstand Rechnung getragen hat: dass sich innerhalb der vertrauten Realität eine Realität der Medien Bahn bricht. Je näher sich nun deren Inhalte, die zweifellos vermittelt sind, den unvermittelten Inhalten annähern, desto größer wird das Problem, dass ein Seiendes scheinbar ganz als es selbst erscheinen kann, obwohl es in Wirklichkeit durch etwas vermittelt ist, folglich gerade nicht ganz als es selbst erscheint. Die Vermittlung beginnt folglich mehr und mehr in den Hintergrund zu treten, sie büßt ihre Sichtbarkeit ein, woraus zuallererst die Dringlichkeit einer Frage nach der Form entspringt, welche die Vermittlung annimmt. Deshalb ist der Gegenstand des Interesses auch nie der Inhalt, sondern stets die Form eines Mediums gewesen, welche das Medium als dasjenige, was dessen Inhalt zugrunde liegt, selbigem aufprägt.

§ 14. Ein Gedankenexperiment

Ich gehe gerade einer alltäglichen Tätigkeit nach, als ich für einen Augenblick das Bewusstsein verliere. Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich an einem anderen Ort liegend wieder vor. Ich vernehme eine Stimme, die mir eröffnet, dass die vorangegangenen Erlebnisse bloß ein durch technische Apparaturen künstlich herbeigeführter Traum gewesen seien, in welchem ich mich zwar frei bewegen konnte, dem aber gleichwohl keine Realität zugrunde gelegen habe.