Der doppelt entrückte Gott

In der „Wiederentdeckung der Welt“ entwickelte ich eine Gottesvorstellung, die eine Koexistenz von Glaube und Wissenschaft ermöglichen sollte. Dieser Gottesbegriff enthält nichts Übernatürliches und ist unvereinbar mit den Offenbarungen der großen Religionen. Gott wird als unbegreiflicher Ursprung alles Seienden gedacht, der nicht in selbiges eingreift.

Eine weitere wichtige Eigenschaft dieser Gottesvorstellung ist, dass sie gegen jegliche ideologische Vereinnahmung gefeit ist. Der Gottesbegriff ist abstrakt genug sein, dass sich aus ihm keine konkreten Wahrheitsurteile oder moralischen Gesetze ableiten lassen.

Das Ergebnis ist eine doppelte Entrückung Gottes: Dieser Gott wirkt weder Wunder noch bringt er eine sichere Erkenntnis oder Handlungsanleitung hervor. Der Mensch ist in seinem Verlangen nach Erlösung und Antworten auf sich selbst zurückgeworfen.

Einführung

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Wie viele Kinder und Jugendliche meiner Generation bin ich mit Videospielen aufgewachsen. Videospiele sind das prägende Medium unserer Zeit, so wie sie für frühere Generationen die Oper, das Theater und das Kino waren. Ihre kulturelle Bedeutung ist unbestreitbar und kann nur noch größer werden. Das allein macht Videospiele zu einem wichtigen wissenschaftlichen Gegenstand.

„Die Wiederentdeckung der Welt“ ist ein durch und durch normatives Unterfangen. Im Kern geht es um die Frage, was Videospiele sein und leisten können für das Individuum und die Gesellschaft und nicht darum, was sie tatsächlich sind oder leisten. Ich rege also zum Nachdenken über die Möglichkeiten des Videospiels an: eine theoretische Anstrengung, die in Anbetracht des kulturellen Stellenwerts ihres Gegenstands gerechtfertigt ist.

Videospiele sind und leisten viele Dinge. Was mich interessiert, ist deren Kunstcharakter. In der von mir vorgeschlagenen, recht weit gefassten Definition hat Kunst eine grundlegend wichtige Funktion für den Menschen. Mein Vorhaben ist, das Ideal einer Kunstform zu denken, die aus dem Videospiel hervorgehen könnte. Dieses theoretische Konstrukt nenne ich die Zehnte Kunstform. Sie ist eine mögliche Antwort auf die Frage, was Videospiele als Kunstform bestenfalls sein und leisten könnten.

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Um die Eigenschaften dieser Kunstform zu bestimmen, gehe ich nicht von existierenden Videospielen aus, also dem, was hier und da schon gemacht wurde. Ich will zu einer allgemeingültigen Einsicht kommen und so frage ich stattdessen nach dem zugrundeliegenden Medium des Videospiels: dem Computer.

Die Vorstellung geht dahin, dass das Medium einer Kunstform deren Eigenschaften definiert und dass ein gutes Kunstwerk demnach eines ist, das seinem Medium Rechnung trägt.

Die Ausgangsfrage meines Buches lautet also, wie eine Kunstform aussehen könnte, die dem Computer zugrunde liegt. Diese Frage ist insofern interessant, als der Computer eine Sonderstellung unter allen Medien einnimmt.

  […, 29. August 2021]

§ 2. Das Allgemeine und das Besondere, das Mögliche und das Wirkliche

Das Allgemeine und das Besondere fasse ich dialektisch auf, mithin als etwas, das bloß dem Grade nach allgemeinen oder besonderen Charakters ist. Die Form eines Allgemeinen existiert ebenso wenig wie die Form eines Besonderen. Mit der Form eines Allgemeinen ist eine Form gedacht, die in Abgrenzung zum Besonderen, dem Allgemeinen zustrebt, mit der Form eines Besonderen ist eine Form gedacht, die in Abgrenzung zum Allgemeinen dem Besonderen zustrebt. Ließe sich ferner das Allgemeine als ein Mögliches und das Besondere als ein Wirkliches denken, so wäre das Allgemeine dasjenige, was dem Möglichen, das Besondere dasjenige, was dem Wirklichen zustrebt.

§ 3. Entsprechung und Bestimmung

An der ursprünglichen Formulierung der Frage ist insofern eine weitere Veränderung eingetreten, als nun nach einer Entsprechung gefragt wird. In solcher Frage tritt der Gedanke hervor, dass etwas durch dasjenige und zu demjenigen bestimmt ist, das ihm zugrunde liegt. Übertragen auf die Frage, die ich diesen Betrachtungen vorangestellt habe, würde das heißen, dass eine Kunstform auf der Grundlage des Computers erst damit zu ihrer Bestimmung kommt als demjenigen, wodurch und wozu sie bestimmt ist, als sie dem, was ihr zugrunde liegt, entspricht. Denkt man an den Computer als Form eines Allgemeinen, dann kann man folgern, dass die Frage nach solch einer Entsprechung sich für keine andere Kunstform mit so viel Nachdruck stellt wie für diese Kunstform, und zwar gerade deshalb, weil ihr die Form eines Allgemeinen zugrunde liegt, unter welcher beinahe alles erscheinen kann, aber dass sie zugleich und aus demselben Grund für keine andere Kunstform so schwierig zu beantworten ist.

§ 4. Die Zehnte Kunstform

Jene Kunstform, welche der Form eines Allgemeinen entspricht, will ich die Zehnte Kunstform nennen. Mache ich von diesem Begriff Gebrauch, so geschieht dies nicht in der Absicht, Behauptungen darüber aufzustellen, ob es eine bestimmte Anzahl Kunstformen gebe und welche darunter zu rechnen seien. Vielmehr soll jenem sonderbaren Gedanken Ausdruck verliehen werden, wonach es eine Kunstform gibt, die sämtliche anderen Kunstformen zu beherbergen vermag, dergestalt, dass jede innerhalb jener erscheinen kann. In der Numerologie heißt es, die 10 sei diejenige Zahl, die sämtliche anderen Zahlen enthalte, deren Grundlage bilde und die Gesamtheit aller Möglichkeiten repräsentiere. Auf diese Vorstellung einer höchsten Allgemeinheit, welche die Formbedingungen sämtlicher Kunstformen unter sich fasst, spiele ich mit dem Begriff einer Zehnten Kunstform an. Die Frage, mit der wir uns befassen, könnte somit auch lauten, ob sich so etwas wie eine Zehnte Kunstform denken ließe?