Der entrückte Gott

In der „Wiederentdeckung der Welt“ vertrete ich eine eklektische Gottesvorstellung, die zum Ziel hat, Glauben und Wissenschaft zu versöhnen. Dieser Gottesbegriff enthält nichts Übernatürliches und ist unvereinbar mit den Offenbarungen der großen Religionen. Gott wird als unbegreiflicher Ursprung alles Seienden gedacht, der nicht in selbiges eingreift.

Eine weitere wichtige Eigenschaft dieser Gottesvorstellung ist, dass sie gegen jegliche ideologische Vereinnahmung gefeit ist. Der Gottesbegriff ist abstrakt genug sein, dass sich aus ihm keine konkreten Wahrheitsurteile oder moralischen Gesetze ableiten lassen.

Das Ergebnis ist eine doppelte Entrückung Gottes: Dieser Gott wirkt weder Wunder noch bringt er eine sichere Erkenntnis oder Handlungsanleitung hervor. Der Mensch ist in seinem Verlangen nach Erlösung und Antworten auf sich selbst zurückgeworfen.

Um dem eklektischen Charakter dieser Gottesvorstellung zu verdeutlichen, stecke ich diesen Gottesbegriff ausgehend von bekannten philosophischen und theologischen Auffassungen Gottes ab.

Ich bin insofern Theist, als ich an einen göttlichen Ursprung alles Seienden glaube.

Ich bin insofern Agnostiker, als ich glaube, dass wir dieses Göttliche niemals gänzlich begreifen können. Die Unbegreiflichkeit ist das einzige Merkmal des Göttlichen, das uns Menschen teilhaftig ist. Das heißt, dass wir aus dem Göttlichen weder etwas Deskriptives (Naturgesetze) noch etwas Normatives (moralische Gesetze) ableiten können. Wir sind in dieser Hinsicht auf uns selbst zurückgeworfen. Dieser Auffassung zufolge gibt es keine religiöse Offenbarungen.

Ich bin insofern Pantheist, als ich glaube, dass alles Seiende göttlich ist. Dies deshalb, weil es göttlichen Ursprungs ist. Religiöse Offenbarungen sind nur insofern göttlichen Ursprungs, als alles Seiende göttlichen Ursprungs ist.

Ich bin insofern Panentheist, als ich glaube, dass das Göttliche mehr als nur das Seiende ist, das uns begegnet. Was es darüber hinaus gibt, wissen wir nicht.

Ich bin insofern Deist, als ich glaube, dass der Glaube an das Göttliche mit dem Glauben an eine Durchgängigkeit der Naturgesetze vereinbar ist. Dieser Auffassung zufolge gibt es keine Wunder oder unerklärlichen Ereignisse. Allerdings ist das Seiende selbst ein Wunder und lässt sich nicht abschließend erklären. Ist es göttlich, weil es göttlichen Ursprungs ist, dann kann es wie das Göttliche niemals ganz begreiflich werden.

[…, 19. September 2021]